Buchtipps

Avraham Burg:
Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss
Campus Verlag, Frankfurt a.M. / New York 2009

Der ehemalige Berater von Shimon Peres und Ex-Sprecher der israelischen Knesseth (Parlament) kritisiert die All-Gegenwart des Holocaust im Leben der Juden in Israel, den USA und der übrigen Welt. Der Sohn deutscher Emigranten vertritt die Auffassung, Hitler habe gesiegt, wenn die Juden ihre Identität nur noch daraus ableiteten, dass sie Überlebende der Shoa seien. Ihr Blick sei ähnlich rückwärts gerichtet wie der der Deutschen in der Weimarer Republik, die sich nicht über ihre aufstrebende junge Republik definieren mochten, sondern nur über das, was sie durch den Ersten Weltkrieg verloren hatten. Sie verbauten sich dadurch den Blick für die Zukunft und deren Aufgaben.

Vor allem aber könnten sie sich nur als (potenzielle) Opfer sehen: "Alle sind sie gegen uns!" sei eine Standard-Behauptung der Israelis, mit der sie jede auch noch so gut gemeinte Kritik abwehrten. Den Arabern, die sie sich zu ihren Lieblingsfeinden wählten, nachdem sie sich mit den Deutschen weitgehend ausgesöhnt hätten, unterstellten sie, diese verstünden nur Gewalt. Burg legt dar, dass es die Israelis selbst sind, die nur Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung akzeptieren.

Seinen Landsleuten empfiehlt er, ihre Abschottungs-Mentalität abzulegen und zur alten jüdischen Tradition der Weltoffenheit und des Universalismus zurückzukehren. Das Judentum habe die Welt mit Persönlichkeiten wie Marx, Freu, Spinoza, Heine oder Moses Mendelsohn bereichert; es solle sich aus seiner Blockade und seinen Feindseligkeiten befreien und der Welt neue Wege in Richtung auf Frieden, Versöhnung und Toleranz aufzeigen.

Das gut lesbar geschriebene Buch ist auch all denen als Lektüre empfohlen, die glauben, sie müssten die israelische Politik aus historischen Gründen ohne Wenn und Aber verteidigen.

Empfohlen von Ingeborg Gerlach

Helmut Kramer und Wolfram Wette (Hrsg.):
Recht ist, was den Waffen nützt
Justiz und Pazifismus im 20. Jahrhundert. Berlin 2004.

In diesem Sammelband zeichnen Juristen und Historiker erstmals ein Gesamtbild des Verhältnisses von Justiz und Pazifismus im blutigen 20. Jahrhundert. Im Konflikt zwischen Macht und Freiheit hat sich die Justiz häufig auf die Seite der Machthaber gestellt. Kriegsgegner hatten es nie leicht in einem Land, in dem Soldaten, Militär und kriegerische Gewalt zu den Selbstverständlichkeiten staatlicher Existenz gezählt wurden. "Das bedrückende Ergebnis: Juristen haben vielmehr mit der Entscheidung über Krieg und Frieden zu tun, als man gemeinhin annimmt."

Helmut Kramer:
Karrieren und Selbstrechtfertigungen ehemaliger Wehrmachtsverbrecher
in: Wolfram Wette (Hrsg.), Filbinger – eine deutsche Karriere. Springe 2006, S. 99-121.

In diesem Sammelband zeichnen Juristen und Historiker erstmals ein Gesamtbild des Verhältnisses von Justiz und Pazifismus im blutigen 20. Jahrhundert. Im Konflikt zwischen Macht und Freiheit hat sich die Justiz häufig auf die Seite der Machthaber gestellt. Kriegsgegner hatten es nie leicht in einem Land, in dem Soldaten, Militär und kriegerische Gewalt zu den Selbstverständlichkeiten staatlicher Existenz gezählt wurden. "Das bedrückende Ergebnis: Juristen haben vielmehr mit der Entscheidung über Krieg und Frieden zu tun, als man gemeinhin annimmt."

Der Fall Filbinger wurde schon 1978 von vielen Journalisten gut recherchiert. Erst das vorliegende Buch aber gibt eine umfassende, sachlich und kritische Darstellung und Bewertung des Falls Filbinger.

Der Beitrag von Helmut Kramer, Mitglied des Friedenszentrums, nimmt unter anderem die politischen Wege von Dr. Hans Meier-Branecke (Braunschweig), Dr. Werner Hülle, Eberhard Schmidt, Dr. Erich Lattmann u.v.m. unter die Lupe. Zu ihrer Rechtfertigung über ihre Tätigkeiten im 2. Weltkrieg bemühten sie ein ganzes Bündel von Entlastungsstrategien. Der größte Teil der kriegsgerichtlichen Akten ist aus durchsichtigen Gründen vernichtet worden. Es blieb nicht nur bei der Straflosigkeit der Militärjuristen und dem wahrheitswidrigen Bild ihrer Tätigkeiten, die meisten fanden bald auch wieder Anstellungen in der Nachkriegs-Justiz der Adenauer-Ära.

Wolfgang Wette und Detlev Vogel (Hrsg):
Das letzte Tabu – NS-Militärjustiz und „Kriegsverrat“
unter Mitarbeit von Ricarda Berthold und Helmut Kramer
Aufbau-Verlag, Berlin 2007, 564 Seiten

Im Mai 2002 rehabilitierte der Deutsche Bundestag pauschal die Deserteure der Wehrmacht, mit einer Ausnahme: „Kriegsverräter“ (§ 57 Militärstrafgesetzbuch von 1934: im Kriege begangener Landesverrat) sparte er mit Zustimmung auch der SPD aus. Die hier dokumentierten Urteile der NS-Militärjustiz schaffen die Voraussetzung für eine sachgerechte Aufarbeitung eines längst überfälligen Themas. Deutlich wird, dass das Delikt „Kriegsverrat“ nicht selten erst in den Köpfen der Kriegsrichter entstand. Sie konstruierten aus widerständigen Handlungen eine Begünstigung des Feindes. Oft reichte zu einem Todesurteil, wenn der Angeklagte Kommunist, Sozialist oder Pazifist war und Kriegsgefangenen oder Juden geholfen hatte. Warum wurden diese Widerstandskämpfer bis heute nicht rehabilitiert? Im Raum steht noch immer der Gesetzentwurf der Bundestagsfraktion Die Linke (Bundestagdrucksache 16/3139 vom 25.10.2006), mit der die gesetzliche Rehabilitierung auch der wegen „Kriegsverrats“ Verurteilten gefordert wird.

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Heinz Bude:
Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft
Hanser, München 2006

Der Soziologe Hein Bude verfügt über die Kunst genauer Beobachtung. Außerdem kann er sehr anschaulich und durchaus lesbar schreiben. Vom berüchtigten Soziologenjargon keine Spur. Dafür bietet er allerdings auch keine Theorie und keine Therapie; er beschreibt einen Ist-Zustand, von dem er sagt, er greife auf eine lange Tradition zurück. Es sind manchmal liebevolle, manchmal latent boshafte Bilder aus dem Leben der „Unterschicht“, die neuerdings „abgehängtes Prekariat“ heißt. Man erfährt, wie diese frauendominierte, vaterlose Gesellschaft funktioniert, mit welchen Tricks man sich über Wasser hält und welche Fallen ihr drohen. Der staunende Leser aus der Mittelschicht, auf Leistung fixiert, erfährt vom „Leben der Anderen“, von denen der Autor sagt, dass sie weniger weit von der Mitte entfernt ist als dem Mittelschichtler lieb sein kann.

Hier liegt die Crux des Buches. Obwohl der Autor vor der Dämonisierung der Differenz warnt, beschreibt er doch die „Kultur der Unterschicht“ so, dass der Leser den Anschein gewinnen muss, sie sei unveränderlich: „Wo jene auf Kommunikation und Kompromiss aus ist, pflegt diese einen Stil der furchtlosen Härte, wo jene Bildung erstrebt, setzt diese auf Cleverness“. Wenn dem so ist, dann können alle Anhänger des dreigliederigen Schulsystems sich die Hände reiben. Dann kann man getrost ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen und die “Ausgeschlossenen“ bei Brot uns (TV-) Spielen lebenslänglich verwalten.

Empfohlen von Ingeborg Gerlach

Petra Gerster und Michael Gleich:
Die Friedensmacher

Täglich berichten die Abendnachrichten von den Brennpunkten der Welt: Krieg, Tod, Vertreibung. Doch in allen Konfliktregionen gibt es gleichzeitig Menschen, die für das Kontrastprogramm stehen: Sie engagieren sich mutig, kreativ und erfolgreich für den Frieden.

Petra Gerster und Michael Gleich präsentieren in diesem Buch eine Expedition zu den besten Friedensstiftern der Welt. Renommierte Autoren und Fotografen erzählen von Exterroristen in Nordirland, die Jugendliche von Gewaltfreiheit überzeugen; von einem Priester, der sich zwischen Bauern und Guerilleros stellt; vom Wunder am Jordan, wo sich Umweltschützer aus drei verfeindeten Staaten für sauberes Wasser engagieren. Sie berichten von Ärzten, Entwicklungshelfern, Geschäftsleuten und Menschenrechtlern, die auch in scheinbar ausweglosen Situationen immer wieder Auswege finden. Wir erleben engagierte, außergewöhnliche Menschen – Vorbilder, die Hoffnung geben und ermutigen.

Frieden lohnt sich auch wirtschaftlich: Ein Bürgerkrieg kostet 64 Milliarden Dollar – jeder Tag, um den man ihn verkürzt, jeder Tag Frieden zahlt sich mit 25 Millionen Dollar aus. Ein wichtiges Buch für eine gute Sache: Alle Tantiemen dieses Buches – zum Start bereits 10.000 – fließen in das Friedensprojekt des kolumbianischen Paters Giovani Presiga.

Empfohlen von Ines Wasileski

Achim von Borries:
Rebell wider den Krieg. Bertrand Russell 1914-1918

Der Ausbruch der europäischen Jahrhundertkatastrophe im Herbst 1914 wurde zu einem tiefen Einschnitt im Leben und Selbstverständnis des englischen Philosophen Bertrand Russell (1872-1970). Mit einem staatlich verordneten Morden konfrontiert, das ihn entsetzte und empörte, sah er sich herausgerissen aus seiner bisherigen »theoretischen« Existenz. Er war schockiert über die um sich greifende nationalistische Massenhysterie, die Orgie des Hasses, den Taumel eines irregeleiteten »Patriotismus« - und über den »Verrat der Intellektuellen«, die, in England, wie in den anderen kriegführenden Ländern, zu Wortführern der Kriegspropaganda wurden. Gegen all dies begehrte er auf, mit jener Entschiedenheit, die ihm bis in sein hohes Alter eigen war.

Seit Mitte August 1914 protestierte Russell unermüdlich in Artikeln und Vorträgen gegen den Krieg und forderte einen schnellen Verhandlungsfrieden. Er engagierte sich in der Organisation der englischen Kriegsgegner und -gegnerinnen, verlor deswegen sein Lehramt an der Universität Cambridge, wurde einer der »meistgehassten Männer Großbritanniens« (Ronald W. Clark) und erhielt Anfang 1918 eine mehrmonatige Gefängnisstrafe.

Russell dachte aber während des Krieges schon über den Krieg hinaus, der die Destruktivität des herrschenden gesellschaftlich-politischen Systems demonstrierte. Ein radikales Umdenken über Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Erziehung erschien ihm notwendig, wenn die Katastrophe sich nicht wiederholen sollte. In drei für sein politisches Denken grundlegenden Schriften skizzierte er seine Systemveränderung im freiheitlich-sozialistischen Sinne: die Vision einer von autoritären Strukturen und kapitalistischer Ausbeutung freien Ordnung mit einer Verbindung von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Dabei warnte er auch schon vor einem bürokratisch-zentralistischen Staatssozialismus mit seinen Gefahren für die Freiheit, wie er wenig später in der Sowjetunion etabliert werden sollte. Viele der von Russell in diesen Weltkriegsschriften angesprochenen Probleme, nicht zuletzt das einer internationalen Friedensordnung, sind nach wie vor aktuell.

Bertrand Russells Engagement wider den Krieg 1914-18, auf publizistischer, politischer und sozialphilosophischer Ebene, ist ein eindrucksvolles Beispiel moralischer Unabhängigkeit wie kreativen Denkens, wie sie Russell auch später immer wieder ausgezeichnet haben, vor allem in seinem Kampf gegen das atomare Wettrüsten.

Achim von Borries, Herausgeber mehrerer Schriften Bertrand Russells in deutscher Übersetzung, stellt in drei Hauptabschnitten »Protest«, »Widerstand« und »Neues Denken« des englischen Philosophen im Ersten Weltkrieg dar.

Empfohlen von Frieder Schöbel