Afghanistan
11.11.2010: Noch einmal Horst Köhler und das Ende einer frommen Lüge
Eigentlich plauderte er nur aus, was alle längst wussten: Dass nämlich die Bundeswehr auch dem Schutz wirtschaftlicher Interessen dient, und zwar nicht nur am Horn von Afrika. Schließlich und endlich hatte das schon im Weißbuch der Bundeswehr aus dem Jahre 2006 gestanden. Und da sich Bundespräsident Köhler damals gerade auf dem Heimflug von Afghanistan befand, brachten die mitreisenden Journalisten diese Äußerung mit dem Land am Hindukusch in Verbindung. Daraufhin hagelte es Kritik, am meisten von der SPD, die sich ihres Feigenblatts beraubt ah, das sie braucht, um ihre Zustimmung zum Bundeswehr-Einsatz vor ihrem eigenen Gewissen rechtfertigen zu können.
Was anschließend folgte, ist bekannt.
Jetzt, fast sechs Monate später, erinnert Verteidigungsminister zu Guttenberg an diesen Vorfall. Er bedauert, dass er Köhler damals nicht stärker unterstützt habe. Denn diese habe doch nur die Wahrheit gesagt. ein Exportstaat wie Deutschland müsse für freien Handel kämpfen. Dass sich der fränkische Freiherr an Köhler erinnert, mag mit dem veränderten Nato-Konzept zusammenhängen, das von wachsender Konkurrenz mit den Schwellenländern auf dem Rohstoffmarkt gekennzeichnet ist.
Köhler hatte nicht den Mut zur eigenen Courage und trat den Rückzug an. Unser smarter Blaublüter wird es durchfechten, und nur die SPD wird noch einmal um ihr Feigenblatt jammern.
Dann haben wir klare Verhältnisse, wohin die Reise gehen wird.
Inge Gerlach
28.05.2010: Tabubruch
Das erste Tabu beim Afghanistan-Einsatz, dass es sich nämlich um einen echten Krieg handelt, brach der Verteidigungsminister; das zweite der Bundespräsident. Auf der Rückreise vom Land am Hindukusch vertraute er Journalisten an, dass ein exportabhängiges Land wie Deutschland zur Sicherung des Handels und somit der Arbeitsplätze notfalls zu den Waffen greifen dürfe/müsse. Wo angeblich verantwortungsethische Politiker noch von Sicherheit schwafeln, da demonstrierte der ehemalige IWF-Direktor klaren Durchblick und wies auf den bekannten Primat der Ökonomie hin. Er hätte sich auch auf das Bundeswehr-Weißbuch von 2006 berufen können, da steht etwas Ähnliches drin.
Nach seiner Rückkehr ging es freilich zu wie bei der Echternacher Springprozession, er musste zurückrudern und beteuern, er habe nur die Piratenjagd am Horn von Afrika gemeint. Aber im Grunde weiß jeder, dass er mit einer Lebenslüge des Bundeswehreinsatzes gebrochen hat. Lange wird sie sich nicht mehr halten können, allen Dementis zum Trotz (die Amerikaner, Engländer usw. sind da längst ehrlicher). Hoffentlich begreifen das auch die Herren von Rot-Grün, die Oppermänner und Trittins. Ihren Vorgängern haben wir schließlich das Afghanistan-Desaster zu verdanken.
Ingeborg Gerlach
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Theodor Fontane: Das Trauerspiel von Afghanistan
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt, Ein Reiter vor Dschellalabad hält, /“Wer da?“ Ein britischer Reitersmann, /Bringe Nachricht aus Afghanistan“
Afghanistan! Er sprach es so matt;/ Es umdrängte den Reiter die halbe Stadt,/ Sir Robert Sale, der Commandant/ Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.
Sie führen ins steinerne Wachhaus ihn/ Sie setzen ihn nieder an den Kamin,/Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,/ er athmet hoch auf und dankt und spricht:
„Wir waren dreizehntausend Mann,/ Von Cabul unser Zug begann, / Soldaten, Führer, Weib und Kind/ Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.
Zersprengt ist unser ganzes Heer,/ Was lebt irrt draußen in Nacht umher./ Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt./ Sehr zu, ob den Rest ihr retten könnt.
Sir Robert stieg auf den Festungswall,/ Offiziere, Soldaten folgten ihm all´, Sir Robert Sprach: „Der Schnee fällt dicht,/ Die uns suchen, sie können uns finden nicht.
Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,/ So lasst sie´s hören, dass wir da,/ Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,/ Trompeter, blast in die Nacht hinaus!“
Da huben sie an und sie wurden´s nicht müd´,/ Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied./ Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,/ Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.
Sie bliesen die Nacht und über den Tag,/ Laut, wie nur die Liebe rufen mag,/ Sie bliesen es kam die zweite Nacht,/ Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.
Die hören sollen, sie hören nicht mehr,/ Vernichtet ist das ganze Heer,/ Mit dreizehntausend der Zug begann,/ E i n e r kam heim aus Afghanistan. (1859)
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16.6.2009
WEGE ZU EINER KULTUR DES FRIEDENS
Der „zivilisierte“ Krieg
Orhan Sat referierte über Afghanistan
Der Titel sei natürlich ironisch gemeint, versicherte der Referent der letzten Veranstaltung des Friedenszentrums und des Friedensbündnisses in der Sommer-Reihe „Wege zu einer Kultur des Friedens“, der Braunschweiger Politologe Orhan Sat, in seinem Afghanistan-Vortrag am 16.6. 2009 in der Volkshochschule. Damit bezog er sich auf Obamas neue Strategie am Hindukusch, den Comprehensive Approach, der auf der Einbeziehung auch „ziviler Elemente“ beruht. Vor allem die Nichtregierungsorganisationen (NGO) sollen in die Kriegführung von ISAF und Enduring Freedom eingebunden werden, was dem Krieg eine größere Erfolgschance geben soll.
Wenn sich eine NGO dem Ansinnen, in die Strategie der NATO eingebunden zu werden, nicht füge, müsse in Kabul bleiben und werde von wichtigen Informationen ausgeschlossen. Etliche NGOs haben bereits Protest angemeldet. Cap Anamur hat Afghanistan verlassen. Die neue Strategie bedeutet keine Entmilitarisierung, sondern eine Ausweitung des Militärischen, dem alles andere untergeordnet werden soll.
Der Referent fragte nach den Gründen des Militäreinsatzes. Es gehe nicht um eine projektierte Öl-Pipeline vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf, sondern um die Sicherung von Macht im zentralasiatischen Raum. Obamas Politikberater Zbigniew Brzezinski habe bereits Mitte der achtziger Jahre die These aufgestellt, dass, wer Zentralasien kontrolliere, die Herrschaft über den ganzen eurasischen Kontinent besitze. Daher denken die USA auch nicht an Abzug, mag die Situation noch so desolat sein. Der Referent gab erschreckende Beispiele wie das von den sechs Mädchenschulen im Bereich Masar-e Sharif, die auf Geheiß der Taliban unter den Augen der deutschen Militärs vom örtlichen Gouverneur geschlossen wurden. Im Übrigen wollten die USA in Zukunft ihre Verbündeten stärker einbinden. Und Deutschland wolle, im Bund mit Frankreich, mitgestalten.
In der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass es überzeugende Exit-Strategien für Afghanistan gebe. Doch leider machten die US-Amerikaner bisher keinen Gebrauch von ihnen, mit einer Ausnahme: Es werde wohl im Geheimen auch mit den Taliban verhandelt.
Inge Gerlach, Frieder Schöbel
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